© Rouzanna Eisenmenger-Karapetian, 2019

EAT PHOTO ART

Fotografische Stillleben von Rose Eisen in der Galerie 16

Wie lässt sich Kunst mit Nahrung verbinden? Diese Frage stellten sich Künstlern schon seit der Antike, als sie liegengelassene Essensabfälle als Fußbodenmosaik nachbildeten. Jedem connaisseur sind die opulenten Früchte- und Jagdstillleben der niederländischen Barockmalerei bekannt, die nicht nur die Sinne ergötzen, sondern auch daran erinnern sollten, dass alle irdische Pracht und Fülle den Preis der Vergänglichkeit zahlt. Nicht zu vergessen die postmoderne EAT ART eines Daniel Spoerri: der Objektartist, der das Kochen zur Kunst stilisierte, montierte schließlich dreidimensionale Stillleben aus den Resten abgebrochener oder beendeter Mahlzeiten.

Für die in Berlin lebende russisch-armenische Fotografin Rose Eisen aus Eriwan, die Redakteurin von Radio Eriwan war, werden Kunst und Nahrung zum Mittel, um zu einer Ästhetik des Herzens und der Harmonie zu gelangen. Gleich den wohl komponierten Stillleben des 17. Jahrhunderts, die nichts dem Zufall überlassen, arrangiert sie Wein, Obst und Gemüse, deren Farben ihr zu einer optischen Qualität werden, mit alltäglichen Versatzstücken und fügt als „Akteure“ Motive der tradierten Kunst, von Tizian über Goya bis zu Marc Chagall und Max Beckmann, ein.

Da räkelt sich plötzlich eine Nackte von Max Beckmann auf einem saftigen Brokkoliblatt, und Ingres' „Kleine Badende“ kehrt uns den schön geschwungenen Rücken auf einer prallen Tomate zu, ein eleganter Renaissancefürst à la Tizian kredenzt dem Betrachter scheinbar ein Glas rubinroten Weines. Oder Rose Eisen schnipselt sich aus Magazinen Figuren zurecht, die zu stummen Protagonisten ihrer Stillleben werden; in einer ihrer Foto-Collagen treten sogar die Darsteller aus Rainer Werner Fassbinders Melodram „Angst essen Seele auf“ von 1974 in Erscheinung. Deutlicher kann die Aussage kaum werden: Essen hat mit der Seele genauso viel zu tun wie die Kunst.

Mittels Kunstzitaten und einer harmonischen Farb- und Lichtgestaltung werden die Früchte der Natur als göttliche Schöpfung genauso zur Kunst als menschliche Kreation, wie die Kunst selbst buchstäblich „zum Anbeißen“ wird. Rose Eisens Verschränkung von Essen und Trinken mit der schönen Muse verweist darauf, dass Beides nicht nur die Sinne ergötzt, sondern auch zum seelischem Wohlbefinden des Menschen einen erheblichen Beitrag leisten kann, der ihn zumindest zeitweise die Illusion des verloren gegangenen Paradieses vermittelt. Geistig-seelische Nahrung wird zur leiblichen und umgekehrt.

Als technisches Handwerkszeug dient Rose Eisen eine Lumix-Digitalkamera mit Leica-Objektiv, das Detailfeinheit und Bildschärfe garantiert. Doch verzichtet die Fotografin auf eine nachträgliche Bildbearbeitung per Comupter: ihre Bilder entstehen gleichsam vor Ort, so dass Farbe und Licht auch nichts von ihrer natürlichen Frische und Poesie verlieren. Die Farben, gesättigt, prall, sinnlich und von leuchtender Kraft oder nuancierter Zurückhaltung, spiegeln dabei, um Picasso zu zitieren, gleichsam das Licht wieder, das im Herzen des Künstlers existiert.

„Essen ist ein Bedürfnis, Genießen eine Kunst“, sagte der französische Philosoph François de La Rochefoucauld, ein Zeitgenosse des Sonnenkönigs Ludwig IV.. Die Kunst, das Essen zu genießen, wäre nicht zuletzt eine weitere Botschaft von Rose Eisen, die mit ihrer EAT PHOTO ART ein wenig in das seelisches Vakuum unserer schnelllebigen Fast-Food-Zeit sticht.

Dr. Angelika Leitzke, Berlin