© Rouzanna Eisenmenger-Karapetian, 2019

ROSE EISEN – Wanderin zwischen OSTRAUM und WESTRAUM

 

Rose Eisen stammt aus Armenien; aus dem Osten also. Seit ihrer Kindheit hatte sie einen Traum: Europa. Das blieb ein Traum, solange Armenien ein Teil der Sowjetunion war. Der WESTRAUM war ihr verschlossen.

 

Mit der Berliner Mauer fielen auch die Mauern, hinter denen die sowjetischen Herrscher die Bürger eingeschlossen hatten. Jetzt konnte auch Rose Eisen ihren Traum erfüllen: nach Westen reisen, nach Europa, nach Berlin. Hier hat sie sich vor 21 Jahren niedergelassen; hier ist sie als Künstlerin tätig.

 

Der zu Boden gestürzte Lenin – anstelle des entfernten Kopfes nun ein Büschel von grünen Ästen ; ein Symbol. Aus  der Ruine von Diktatur und Unfreiheit grünt die Verheißung von Freiheit und Selbstverwirklichung. Rose Eisen begann durch Europa zu reisen und sich den WESTRAUM zu erschließen. Der Westen als Raum der freien künstlerischen Entfaltung.  Wien, Prag, Genf, Amsterdam, Leiden und Monte Carlo – das sind nur einige der Stationen, an denen ihr Traum von Europa sich erfüllte. Mit ihrer Kamera hielt sie fest, was ihr im Westraum auffallend, ja bisweilen kurios anmutete; wie die üppige Plastik von Fernando Botero vor den ausladenden Rundungen des Berliner Domes.

 

Von ihrer Herkunft freilich, dem OSTRAUM, Armenien und dem Kaukasus, konnte sie sich nicht trennen. So ist sie eine Wanderin zwischen den Welten. Dokumente dieser Wanderung in Architektur und Plastik sind hier festgehalten. West und Ost sind auf einander bezogen. Stepan Schaumjan, der Weggefährte Lenins, blickt von seinem Podest in Yerevan nach Westen. Und das (UNO) Auto aus dem Westen fährt in Richtung Gori (dem Geburtsort Stalins) im Osten. Eine protzige amerikanische Limousine imponiert in Yerevan.  Und in Tbilisi kontrastieren Reliefs aus der Sowjetzeit mit Spider Man.

 

Der Zusammenbruch des sowjetischen OSTRAUMs hinterlässt einen Nachgeschmack von Melancholie. Das  Mosaik der Krake am schönen Ufer des Schwarzen Meeres in Abchasien sollte einst wohl Werktätige erfreuen; jetzt zerfällt es einsam vor dem grün-blau-weißen Farbenspiel der Natur. Und durch die einander zugeneigt berührenden monumentalen Hände,  die die Solidarität des Proletariats verkörpern könnten – ein Geschenk Italiens an Armenien in der Sowjetzeit -, wird nur noch die Banalität der Staatsmacht in Gestalt zweier Polizisten  sichtbar.

 

Die positive Kraft geht vom WESTRAUM aus: von Vergils erhabener Gebärde in Mantua, wo der „Vater des Abendlandes“ geboren wurde; von der kraftvollen Spannung zwischen Architektur und Plastik des „Corpus“ Museums in Leiden; und von der Poesie des „Mirror“ Anish Kapoors vor dem Casino in Monte Carlo. Kurz: von der Spannbreite zwischen klassischer, moderner und zeitgenössischer Ausdrucksform.     

 

Lassen wir uns von Rose Eisen auf dieser Wanderung zwischen den Räumen mitnehmen!   

 

Herrmann Rückert